Viele Grenzen, ein Ruhrgebiet

Abgrenzungen zwischen Verwaltung, Alltag und Lebensgefühl

Landschaften haben in der Regel keine klaren Grenzen. Sie gehen ineinander über, verändern ihren Charakter allmählich, verlieren sich. Das Sauerland wird langsam hügelig, der Harz wächst nicht an einer Linie aus dem Tiefland heraus, und selbst Inseln wie Norderney oder Rügen sind durch Ebbe und Flut streng genommen bewegliche Gebilde. Aber wie verhält es sich mit den Grenzen im Ruhrgebiet?

Ansicht aus einem Auto auf der Autobahn. Vorne steht eine Unterrichtungstafel, die den Beginn der Metropole Ruhr anzeigt. Am Horizont ist ein Kraftwerk zu sehen.

Das Ruhrgebiet bildet hier eine bemerkenswerte Ausnahme. Es ist nicht nur eine Region, sondern auch ein klar abgegrenzter Raum – festgelegt durch die Mitgliedskommunen des Regionalverbands Ruhr (RVR). Zwischen Kamp-Lintfort im Westen und Hamm im Osten, zwischen Haltern am See im Norden und Breckerfeld im Süden endet das Ruhrgebiet nicht allmählich, sondern recht abrupt. Hinter der Stadtgrenze ist man plötzlich „nicht mehr im Revier“.

In der Karte ist das Ruhrgebiet mithilfe einer Schattierung hervorgehoben.

Diese klare Linie (oder hier: Ende der Schattierung) ist keine landschaftliche, sondern eine administrative Setzung. Sie entstand aus industriellen, wirtschaftlichen und später politischen Zusammenhängen – und sie wirkt bis heute.

Gerade weil das Ruhrgebiet nach außen so eindeutig definiert ist, lohnt sich ein Blick nach innen: auf die vielen Grenzlinien, die es dort ebenfalls gibt. Vielleicht zum Teil mit einem kleinen Augenzwinkern. Dieser Beitrag enthält diesmal (fast) keine Fotos. Dafür gibt es Karten, in denen ich den blauen Buntstift angesetzt habe. Bitte nicht zu genau interpretieren…!

Rheinland und Westfalen – eine unsichtbare Hauptgrenze

Eine der ältesten Grenzen im Ruhrgebiet verläuft zwischen Rheinland und Westfalen, den alten Provinzen in Preußen. Die Grenze lässt sich heute im Ruhrgebiet gleichsetzen mit den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg, die in Westfalen liegen, und den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln, die im Rheinland liegen.

Zum Rheinland zählen demnach der Kreis Wesel, Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen und Essen. Der übrige Teil des Ruhrgebiets mit Dortmund, Bochum, Herne, Hagen, den Kreisen Recklinghausen, Unna und Ennepe-Ruhr-Kreis sowie Hamm liegt historisch in Westfalen.

Diese Grenze ist kaum sichtbar, aber kulturell spürbar. Sie zeigt sich in Sprache, im Brauchtum (Karneval hier, Schützenfest dort), in kirchlichen Prägungen und nicht zuletzt im Selbstverständnis. Während rheinische Städte traditionell stärker nach Westen und zum Rhein orientiert sind, ist Westfalen eher nach Osten und ins Binnenland gerichtet.

West, Mitte, Ost – der Pott in drei Teilen

Eine andere, eher alltagspraktische Gliederung unterscheidet Westpott, Mitte und Ostpott. Sie ist nicht offiziell, aber weit verbreitet. Vermutlich sind die Grenzen dabei eher fließend.

Zum westlichen Ruhrgebiet zählen dabei der Kreis Wesel, Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr. Sie sind industrialisiert, stark vom Rhein geprägt mit großen Häfen, Hüttenwerken und Verkehrsknotenpunkten.

Zum mittleren Ruhrgebiet zählen meist Essen, Bottrop, Herne, Bochum und Gelsenkirchen sowie der Kreis Recklinghausen und der Ennepe-Ruhr-Kreis. Es bildet das klassische Herz des Reviers, ist dicht bebaut, mit zahlreichen Zechenstandorten und kurzen Wegen zwischen den Städten. Häufig erkennt man hier nur anhand eines Ortseingangsschildes, dass man die Grenze überschreitet.

Das östliche Ruhrgebiet (der Ostpott) setzt sich zusammen aus dem Kreis Unna und den Städten Hamm, Hagen und Dortmund. Hier treffen Bergbau- und Stahlgeschichte auf frühe Verkehrsachsen, Kanäle und Eisenbahnlinien, gleichzeitig ist das Ruhrgebiet hier ländlicher geprägt mit Öffnung zum Sauerland, zum Münsterland sowie zur Soester Börde entlang des Hellwegs.

Nord und Süd – die A40 als mentale Grenze

Noch gröber, aber im Alltag sehr präsent ist die Trennung in Nord und Süd, oft gesehen entlang der A40, die in Dortmund derzeit noch in die B1 übergeht und sich nach Osten als A44 fortsetzt. Man kann darüber diskutieren, ob das richtig ist oder falsch – betrachten wir die Karte aber dennoch einmal.

In der Karte ist in Dortmund bereits der in Bau befindliche Abschnitt der A40 bis zum Kreuz Dortmund / Unna berücksichtigt. Ab Unna geht sie in östlicher Richtung in die A44 nach Kassel über.

Nördlich davon: dichter Wohnungsbau, klassische Arbeitersiedlungen, viele ehemalige Standorte von Großzechen. Südlich davon: mehr Grün, Villenviertel. Es mag an der Nordwanderung des Bergbaus liegen. Die A40 ist dabei weniger Ursache als Symbol und vielleicht auch eher Zufall. Sie markiert eine soziale und städtebauliche Trennlinie, die bis heute im Stadtbild ablesbar ist.

Literatur-Tipp:

Wenn Sie sich für Grenzen und Geopolitik interessieren, empfehle ich Ihnen folgende Bücher: Die Geschichte der Welt in 47 Grenzen: Wie die Linien auf unseren Karten zustande kamen* und der Klassiker neu aufgelegt Die Macht der Geografie: Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt*

Ruhr, Emscher, Lippe – und der Hellweg

Eine landschaftlich und historisch geprägte Einteilung orientiert sich an den großen Ost-West-Achsen des Ruhrgebietes. Neben den Flusstälern lassen sich auch alte Verkehrs- und Siedlungsräume als Zonen verstehen. In der Karte sind die wichtigsten Flüsse zur Orientierung sowie der alte Hellweg in Form der heutigen A40 bzw. B1 als dünne schwarze Linie eingezeichnet.

Schematische Karte, die das Ruhrgebiet in drei Gebiete teilt, die Flussläufen folgen: Ruhr, Lippe und Emscher sowie die Hellwegzone entlang der alten B1

Südliche Zone – der Ruhrraum

Der Ruhr-Raum erstreckt sich entlang der Ruhr mit Teilen von Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Essen, Bochum, dem Ennepe-Ruhr-Kreis, Dortmund und Hagen. Hier entstanden durch die oberflächennah anstehende Kohle frühe Zechen und Industrieanlagen, geprägt durch die wasserreichen Bachtäler, ebenso wie später Villenviertel, die Ruhrstauseen und Erholungslandschaften. Der Charakter ist bis heute vergleichsweise grün und hügeliger.

Die Hellwegzone – historische Ost-West-Achse

Parallel zu Ruhr und Emscher verläuft mit dem Hellweg eine der ältesten Handelsstraßen Mitteleuropas – heute in großen Teilen nachgezeichnet durch die B1 und die A40. Städte wie Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Unna, früher eine Tagesreise mit dem Pferdewagen voneinander entfernt, entwickelten sich entlang dieser Linie. Die Hellweg-Städte liegen hier wie an einer Perlenschnur aufgereiht und setzen sich über Werl, Soest, Erwitte, Geseke, Salzkotten und Paderborn weiter fort.

Mittlere Zone – der Emscherraum

Duisburg, Oberhausen, Essen, Bochum, Herne, Gelsenkirchen und Dortmund liegen ganz oder teilweise im Einzugsbereich der Emscher. Hier konzentrierte sich über Jahrzehnte der nordwärts gewanderte Bergbau und die Schwerindustrie, hier entstanden dichte Siedlungsbänder. Heute ist die Region Teil des Emscher-Landschaftsparks und Schwerpunkt von Renaturierung und Transformation.

Nördliche Zone – der Lipperaum

Teile vom Kreis Wesel (östlich des Rheins), Kreis Recklinghausen, Bottrop, Teile von Gelsenkirchen und vom Kreis Unna und Hamm orientieren sich stärker zur Lippe hin. Die Landschaft ist flacher, die Besiedlung etwas später erfolgt, Übergänge ins Münsterland sind spürbar. Hier wurden die letzten Bergwerke erschlossen und hier wurde die Kohleförderung als letztes eingestellt. Mit der Haard, der Hohen Mark, den Borkenbergen und der Kirchheller Heide gibt es große Naturräume.

Diese vier Zonen verdeutlichen jedoch auch die Grenzen jeder Gliederung: Nicht alle Städte lassen sich eindeutig zuordnen, manche liegen zwischen den Linien, andere – wie Teile des Kreises Unna oder die linksrheinischen Bereiche im Kreis Wesel – entziehen sich einer klaren Zuordnung.

Reviergrenzen nach Vereinsfarben

Besonders emotional – und entsprechend nicht immer ganz nüchtern – verlaufen die Grenzen im Ruhrgebiet entlang von Vereinsfarben. Rund um die Stadien ist die Verteilung meist eindeutig: In Dortmund dominiert Schwarz-Gelb, in Gelsenkirchen Blau-Weiß, in Bochum Blau, in Duisburg Blau-Weiß mit Zebra. Je näher man dem jeweiligen Stadion kommt, desto dichter wird die eigene Anhängerschaft.

Doch diese „Revierkarten“ enden nicht an Stadt- oder Regionsgrenzen. Zum Beispiel Borussia Dortmund, Schalke 04 oder der VfL Bochum haben Fans weit über das Ruhrgebiet hinaus – in NRW, in der Bundesrepublik oder im Ausland. Sogar in Bayern. Umgekehrt leben im Ruhrgebiet auch Anhänger von Vereinen, deren Heimat hunderte Kilometer entfernt liegt, in Manchester, Liverpool, Barcelona, Mailand oder Rom.

Fußballgrenzen im Revier sind daher weniger territorial als emotional. Sie entstehen durch Zugehörigkeit, Rivalität und Tradition. Diese Grenzen sind weder stabil noch rational, aber hochwirksam – und werden an Spieltagen mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit verteidigt.

Der „Aldi-Äquator“

Zum Schluss betrachten wir eine der Grenzen im Ruhrgebiet, die niemand geplant hat und doch jeder kennt: Aldi Nord und Aldi Süd. Der sogenannte „Aldi-Äquator“ verläuft quer durchs Ruhrgebiet.

Während der gewöhnliche Äquator unserer Erde die nördliche von der südlichen Hälfte trennt, kann man den im Ruhrgebiet von Ost nach West überschreiten. Denn er verläuft im Gegensatz zur übrigen Bundesrepublik ungewöhnlicherweise von Nord nach Süd, ungefähr durch Gladbeck, Bottrop, Gelsenkirchen und Essen. Erst außerhalb des Reviers kippt er in die bekannte West-Ost-Richtung durch Deutschland. Das kann zur Folge haben, dass man zwar von Essen nach Bottrop nach Norden läuft, man aber von Aldi-Nord in die Einzugsgebiete von Aldi-Süd kommt.

Schematische Karte, die das Ruhrgebiet in Süd und Nord teilt. Eine Lupe zeigt einen Friedhof

Eine besondere Pointe liefert der Friedhof Essen-Bredeney: Dort liegen die Brüder Albrecht begraben, die die beiden Unternehmen einst gegründet haben. Zieht man den „Aldi-Äquator“, verläuft er – zumindest schematisch – mitten über den Friedhof. Zwei Grabstätten, zwei Unternehmen, eine Grenze.

Gemeinsame Linien im Ruhrgebiet

So unterschiedlich die inneren Abgrenzungen im Ruhrgebiet auch sind, es gibt unglaublich viele Merkmale, die sich über Stadt-, Kreis- und Kulturgrenzen hinweg wiederfinden. Nicht nur, dass man gemeinsam auf die verspätete und überfüllte Bahn wartet.

Eine der deutlichsten Gemeinsamkeiten ist beispielsweise die ruhrdeutsche Umgangssprache. Sie ist kein klassischer Dialekt, sondern ein Mischprodukt aus rheinischen und westfälischen Einflüssen, geprägt durch Zuwanderung, Industriearbeit und enge Nachbarschaften. Typisch sind kurze Sätze, direkte Ansprache und ein Tonfall, der wenig umschweifend ist, aber selten unhöflich gemeint.

Unabhängig davon, ob man sich im Westen, in der Mitte oder im Osten des Ruhrgebiets befindet, klingt vieles vertraut. Eng damit verbunden ist eine kommunikative Direktheit, die im Ruhrgebiet oft als ehrlich und pragmatisch verstanden wird. Probleme werden benannt, nicht umkreist; Lob und Kritik kommen meist ohne große Verpackung. Diese Haltung hat ihre Wurzeln in der Arbeitswelt der Industrie, in der Klarheit, Verlässlichkeit und Teamarbeit wichtiger waren als formale Distanz.

Strukturwandel als gemeinsame Erfahrung

Kaum eine andere Region in Deutschland ist so stark durch den Strukturwandel geprägt wie das Ruhrgebiet. Der Rückgang von Bergbau und Schwerindustrie betrifft alle Teilräume – unabhängig davon, ob sie rheinisch oder westfälisch, nördlich oder südlich der A40 liegen. Industriebrachen, neue Gewerbe- und Freizeitnutzungen sowie kulturelle Umnutzungen von Zechen und Hütten sind überall sichtbar. Der Umgang mit dem Wandel ist damit eine gemeinsame Herausforderung – und Teil einer gemeinsamen Identität.

Fördergerüste, Halden, Bahntrassen und Kanäle prägen das Landschaftsbild im gesamten Ruhrgebiet. Gleichzeitig zeigt sich überall der Versuch, dieses Erbe neu zu interpretieren: als Parks, Radwege, Aussichtspunkte oder Kulturorte. Auch hier verbindet sich Vergangenheit mit Gegenwart – unabhängig von internen Grenzziehungen.

Trotz aller inneren Linien und Unterschiede entsteht so ein gemeinsamer Erfahrungsraum, der das Ruhrgebiet zusammenhält – nicht durch Einheitlichkeit, sondern durch gemeinsam geteilte Geschichte und Herausforderungen. Und dafür mag ich mein Revier.

Kennen Sie noch Abgrenzungen, die man in diesem Zuge ergänzen könnte? Dann schreiben Sie doch eine kurze Mail.