Kleingärten im Ruhrgebiet

„Gut Grün!“ – so begrüßen sich häufig Kleingärtnerinnen und Kleingärtner. Der Gärtnergruß, der ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt, aber erstaunlich gut zum Ruhrgebiet passt: bodenständig, verbindlich, ein bisschen verschmitzt. Nach einer persönlichen Einladung in einen Kleingartenverein wurde schnell klar, dass diese Orte weit mehr sind als Reihen von Lauben mit akkurat gestutzten Hecken. Kleingärten im Ruhrgebiet sind kleine Parallelwelten – mit eigenen Regeln, Ritualen und gelegentlich auch mit sehr eigener Dramaturgie.

Wer einmal durch eine typische Kleingartenanlage spaziert ist, merkt schnell: Hier trifft Alltagskultur auf Vereinsrecht, Selbstversorgung auf Geselligkeit und Ordnungsliebe auf kreative Auslegungsspielräume.

Mehr als 2.000 grüne oder bunte Kleingärten gibt es im Ruhrgebiet. Nach Informationen des Regionalverbands Ruhr gibt es in den 2020er Jahren über 750 Kleingartenvereine. Die Karte mit dem Ruhrgebiet als Grenze zeigt die Verteilung der Gärten in Form von blühenden Blumen, die sich schwerpunktmäßig in der Mitte zwischen Dortmund und Duisburg erstreckt und Einzelblumen geradezu zu einer Blühwiese macht.

Dies bestätigt auch die nachfolgende Karte mit der jeweiligen Anzahl von Flächen, die pro Stadt oder Kreis als Kleingarten genutzt werden. Zu beachten ist hier, dass ein Kleingartenverein aus mehreren einzelnen Flächen bestehen kann.

Wir gehen an dieser Stelle durch mehrere beispielhafte Kleingärten oder Schrebergärten im Ruhrgebiet. Einzelne tatsächlich existierende Personen sollen an dieser Stelle zu Wort kommen und über ihren Garten erzählen.

Zwischen Gartenzaun und Gemeinschaft

Kleingartenvereine sind vor allem eines: Vereine. Mit Satzung, Vorstand, Mitgliederversammlung und gelegentlich hitzigen Diskussionen über Heckenhöhen oder Wasseruhren. Gleichzeitig sind sie soziale Räume, in denen sich Nachbarschaften bilden, Generationen begegnen und Wissen weitergegeben wird – vom Tomaten-Anbau bis zur Reparatur vom Dach des Gartenhäuschens.

Im Ruhrgebiet haben viele Anlagen eine lange Geschichte. Entstanden als Erholungs- und Versorgungsflächen für Arbeiterfamilien, liegen sie bis heute oft entlang von Bahntrassen, Kanälen oder an den Rändern ehemaliger Industrieflächen. Orte, die sonst kaum Beachtung finden, werden hier grün, lebendig und erstaunlich ruhig.

Marita (57), Psychologin
„Der Apfelbaum hat mehr Geduld als wir.“

Marita teilt sich den Garten mit ihrer Freundin Gundula. Zwei Frauen, eine Parzelle, wenig Drama – und ein Apfelbaum, der irgendwie immer Recht behält. Es ist eine alte Sorte, keine aus dem Supermarkt, eher so eine, die man früher kannte. „Der trägt jedes Jahr wie verrückt“, sagt Marita, „egal, wie das Wetter war.“
Der Baum steht ein bisschen krumm, aber standhaft. Für Marita ist er mehr als nur Obstlieferant: ein fixer Punkt, ein verlässlicher Rhythmus. „Manchmal reicht das ja schon“, meint sie, „zu wissen, dass da was ist, was einfach macht, was es soll.“ Der Apfelbaum ist übrigens irgendwo auf dieser Seite abgebildet!

Literatur-Tipp Teil 1:

Diese thematisch passenden Bücher empfehle ich zur Vertiefung: Unser naturnaher Kleingarten: Ernteglück und Artenvielfalt im Schrebergarten* sowie 365 Tage Hochbeet: Ganzjährig frisches Gemüse ernten – mit Tipps und Tricks für Anfänger bis Selbstversorger-Profis*

Schrebergarten in der Prime-Time

Dass Kleingärten längst Teil der Popkultur sind, zeigt die seit Jahren im Sender VOX ausgetrahlte Doku-Soap „Ab ins Beet“. Viele der gezeigten Gärten liegen im Ruhrgebiet, unter anderem im Kleingartenverein „Friedlicher Nachbar“ in Bochum. Dort wird mit viel Humor gezeigt, was im echten Vereinsleben ganz normal ist: ambitionierte Projekte, kreative Lösungen, kleine Katastrophen und viel Hilfe durch die Nachbarn – und der Stolz, wenn am Ende doch alles angeht und wächst.

Die Sendung lebt von Überzeichnung, trifft aber einen wahren Kern: Kleingärten sind emotional. Hier geht es nicht nur um Pflanzen, sondern um Herzblut, Identifikation und manchmal auch um sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein „schöner Garten“ ist.

Manni „Fritte“ (68), Rentner
„Grill an, Sorgen aus.“

Manni heißt eigentlich Manfred, aber das sagt hier keiner. „Fritte“ kommt von seiner Liebe zu Pommes – und die ist mindestens so groß wie die zum Grill. Sobald die Sonne rauskommt, ist auch Manni da. Bier auf, Grill an, Klappstuhl raus.
Freunde kommen vorbei, man sitzt zusammen, klönt, schwatzt, redet über früher, über Fußball und darüber, dass früher sowieso alles anders war. „Dat is hier wie früher inne Siedlung“, sagt er, „nur mit mehr Grün.“ Der Garten ist für ihn kein Projekt, sondern Treffpunkt. Und wenn einer noch ’ne Wurst braucht: Fritte regelt.

Gesetz ist Gesetz – oder fast

So idyllisch Kleingärten wirken, so klar sind die rechtlichen Rahmenbedingungen. Das Bundeskleingartengesetz regelt überraschend viel – und ist zugleich Quelle zahlreicher Anekdoten.

Typische Vorgaben in örtlichen Richtlinien sind ein Mindestanteil für gärtnerische Nutzung, meist mit Obst- und Gemüseanbau und Begrenzungen bei der versiegelten Fläche. Die maximale Größe der Laube (inklusive Terrasse) regelt das Kleingartengesetz. Häufig gibt es auch Vorgaben zu Blühflächen, Obstanbau oder naturnaher Gestaltung mit bienenfreundlicher Bepflanzung.

Was auf dem Papier eindeutig klingt, wird im Alltag oft pragmatisch ausgelegt. Zwischen Hochbeet, Rasenstück und Blumenrabatten entstehen Grauzonen, über die auf Vereinsversammlungen mit erstaunlicher Detailtiefe diskutiert wird. Manche Gärten erfüllen die Regeln mustergültig, andere eher kreativ – und genau darin liegt ein Teil des Charmes.

Literatur-Tipp Teil 2:

Diese thematisch passenden Bücher empfehle ich zur Vertiefung: Homefarming: Selbstversorgung ohne grünen Daumen – Anbau, Pflege und Ernte für Einsteiger* und Mein Jahr im Kleingarten. Schrebergarten für Anfänger*

Kleine Kuriositäten am Gartenweg

Jede Anlage hat ihre Eigenheiten: Gartenzwerge mit Sicherheitsabstand zur Grenze, akkurat vermessene Hecken, die im Rahmen von Gemeinschaftsstunden aller Gartenbesitzer gestutzt werden, improvisierte Bewässerungssysteme und handgeschriebene Hinweisschilder und Aushänge mit Hinweis zur Beachtung, die mehr über das Vereinsleben erzählen als jede Chronik. Wer zuhört, erfährt Geschichten über legendäre Sommerfeste, unerwartete Ernteerfolge oder die eine Laube, die „eigentlich schon seit Jahren zu groß ist“.

Mehr als nur grün

Ganz nebenbei erfüllen Kleingärten im Ruhrgebiet wichtige Funktionen für die Stadt: Sie wirken kühlend im Sommer, bieten Lebensraum für Insekten und Vögel und sorgen für offene, durchgrünte Strukturen in dicht bebauten Quartieren. Kühle Orte sind in den Hitzeinseln der Großstädte wertvoller denn je geworden. Da jeder Gärtner und jede Gärtnerin den Garten (im Rahmen der örtlichen Richtlinien und des Bundeskleingartengesetztes natürlich) nach eigenem Geschmack einrichtet, ergibt sich in den Kleingärten häufig ein besonders buntes Raster, in dem die Parzellen wie bunte Mosaiksteine wirken.

Stefan (45), Programmierer & Webdesigner
„Im Garten darf’s ruhig bunt sein.“

Stefan arbeitet den ganzen Tag am Bildschirm – klare Strukturen, saubere Linien. Im Garten darf es genau andersrum sein. Ihm geht es ums Blühen. Und zwar immer. Frühling, Sommer, Herbst – irgendwo soll immer Farbe sein.
Sein ganzer Stolz sind die Dahlien. Über 50 Sorten, jede ein bisschen anders. Große, kleine, wilde Farben. Im Sommer verbringt er Stunden zwischen den Beeten. „Man sieht sofort, ob man sich Mühe gegeben hat“, sagt er. Und das stimmt: Sein Garten leuchtet. Auch seine Dahlien sind Teil dieser Seite.

Kleingärten im Ruhrgebiet sind keine musealen Relikte, sondern lebendige Orte zwischen Tradition und Gegenwart. Sie erzählen vom Alltag der Region, von Gemeinschaft und vom Umgang mit begrenztem Raum. Junge Generationen haben die Natur für sich entdeckt: Sie setzen ihren Fokus auf Klimabewusstsein und Nachhaltigkeit. Frischer Wind kommt in die traditionellen Vereine, die Nachfrage ist groß und manchmal wartet man Jahre auf eine eigene Zelle.

Tipp! Mit dem Halden-Hügel-Hopping-Weg in Castrop-Rauxel verläuft ein Wanderweg quer durch einen Kleingartenverein.

Haben Sie noch Anekdoten oder Geschichten aus dem Kleingarten? Können Sie einen besonderen Kleingarten empfehlen? Dann schreiben Sie doch eine E-Mail!