Westfälische Salzroute: Mit dem Fahrrad auf den Spuren des alten Hellwegs
Zwischen Unna und Salzkotten führt der Radweg Westfälische Salzroute durch eine Landschaft, die heute vor allem von Landwirtschaft und kleinen Dörfern geprägt ist. Doch unter der scheinbar ruhigen Oberfläche steckt eine lange Geschichte: Hier verlief mit dem Hellweg eine der wichtigsten Ost-West-Handelsverbindungen Westfalens.
Heute ist davon auf den ersten Blick wenig zu sehen. Statt Fuhrwerken und Händlern begegnen einem auf den Wirtschaftswegen vor allem Radfahrende und Traktoren. Die Route führt fast ohne Verkehr durch die offene Landschaft der Börde, vorbei an Dörfern, Höfen und Feldern. Und während man gemütlich Kilometer für Kilometer zurücklegt, bewegt man sich durch einen Raum, der schon vor Jahrhunderten vom Reisen und Handeln geprägt war.
Die folgende Karte zeigt den Verlauf der fast 90 Kilometer langen Radroute quer durch Westfalen. Sie wird allerdings nicht in Gänze hier betrachtet, sondern im „Ruhrgebiets-Abschnitt“ zwischen Unna und Werl im Kreis Soest (schwarzer Kasten).

Für mich war die Strecke von Unna nach Werl dabei gleich aus zwei Gründen interessant: Sie markiert für meinen Ruhrgebiets-Blick eine Art Grenze. Unna gehört noch zum Ruhrgebiet – Werl liegt bereits außerhalb. Gleichzeitig lässt sich die Tour wunderbar zu einer abwechslungsreichen Runde von rund 50 Kilometern erweitern: Hin geht es über den Alleenradweg auf der ehemaligen Bahnstrecke von Unna nach Welver, zurück über die Westfälische Salzroute. Zwei alte Verkehrswege, zwei völlig unterschiedliche Landschaftserlebnisse – und dazwischen eine ganze Menge Geschichte über Handel und Salz.
Hellweg – ein heller Weg oder ein Salzweg?
Woher der Name Hellweg stammt, ist nicht ganz eindeutig geklärt. Eine verbreitete Deutung führt ihn auf das althochdeutsche hella bzw. hell zurück – im Sinne eines hellen, freien oder breiten Weges, der sich deutlich von kleineren Wegen abhob.
Eine andere Erklärung bringt den Namen mit dem Salzhandel in Verbindung. Das althochdeutsche hal bzw. hall bezeichnete Salz beziehungsweise eine Salzquelle. So wie man es beispielsweise aus Bad Reichenhall kennt. Damit könnte ein Hellweg ursprünglich ein Salzweg gewesen sein. Welche Deutung tatsächlich zutrifft, ist umstritten. Sicher ist jedoch: Der Hellweg war bereits im Mittelalter eine bedeutende West-Ost-Verbindung durch Westfalen – und Salz gehörte zu den wichtigen Handelsgütern, die auf ihm transportiert wurden.
Die Westfälische Salzroute
Die Westfälische Salzroute verbindet auf rund 88 Kilometern Unna am östlichen Rande des Ruhrgebietes mit Salzkotten. Ihr Name kommt nicht von ungefähr: Salz war über Jahrhunderte eines der wichtigsten Handelsgüter der Region. Entlang der Strecke liegen Orte, deren Geschichte eng mit Sole, Salzgewinnung und Handel verbunden ist. In Salzkotten steckt es im Namen, in Bad Westernkotten und Bad Sassendorf zeigt es sich durch den „Bad“-Zusatz durch die Heilbäder mit Salinen und Kureinrichtungen.
Die Route führt dabei nicht über eine vielbefahrene Bundesstraße, sondern größtenteils über asphaltierte Wirtschaftswege in offener Landschaft. Genau das macht sie heute zu einer angenehmen Fahrradstrecke. Blaue Hinweisschilder oder die weißen Schilder des Radverkehrsnetzes weisen den Weg.
Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte der Tour: Man fährt heute ausgesprochen ruhig durch eine Landschaft, die früher alles andere als ruhig gewesen sein dürfte.
Eine Tagesreise von Unna nach Werl
Wer sich die Orte entlang der Route auf einer Karte anschaut, erkennt eine Art Perlenschnur. Größere Städte wie Essen, Bochum, Dortmund oder Unna liegen in relativ regelmäßigen Abständen entlang der historischen West-Ost-Achse. Dazwischen reihen sich kleinere Dörfer und Siedlungen. Für Reisende vergangener Jahrhunderte waren Entfernungen von etwa 15 bis 30 Kilometern eine typische Größenordnung für eine Tagesreise.
Hier wird der Abschnitt zwischen Unna und Werl betrachtet. Das ist der Teil, der im Ruhrgebiet verläuft und hinaus bis in die nächste große Stadt führt, die nächste „Perle“ der Hellwegstädte an der Perlenschnur des Hellwegs.

Unna und Werl sind zwei benachbarte der historischen Städte am Hellweg. Dazwischen liegen etwas weniger als 20 Kilometer – eine Entfernung, die sich gut mit einer historischen Tagesetappe vergleichen lässt. Mit Uelzen, Mühlhausen, Lünern, Stockum, Hemmerde, Holtum und Büderich liegen noch einige kleinere „Perlen“-Dörfer an der Strecke – heute sind sie Stadtteile von Unna und Werl.
Heute braucht man für die gleiche Strecke mit dem Fahrrad etwas mehr als eine, vielleicht zwei Stunden, wenn man gemütlich unterwegs ist. Dann ist aber auch Zeit für die Dörfer am Weg, einen Abstecher, eine Pause oder einfach den Blick über die Felder. So wird aus einer alten Tagesetappe eine entspannte Radtour. Mit dem Auto wären es ungefähr 15 Minuten, mit der Bahn, der RB 59 „Hellweg-Bahn“, geht es sogar noch etwas schneller.

Entlang der Perlenschnur des Hellwegs
Die heutigen Straßen und Wege sind dabei allerdings nicht einfach mit dem historischen Hellweg gleichzusetzen. Der Hellweg war über lange Zeit keine einzelne, unveränderliche Straße. Sein Verlauf konnte sich verändern, Wege konnten verlegt werden und manche Abschnitte sind heute vollständig verschwunden. Auch die heutige Bundesstraße 1 folgt zwar in weiten Teilen der historischen West-Ost-Verbindung, ist aber nicht einfach mit dem mittelalterlichen Hellweg gleichzusetzen.
Interessant sind deshalb auch die kleinen Hinweise in der Landschaft. Straßennamen wie „Alter Hellweg“ erinnern bis heute an die historische Bedeutung dieser Verbindung. Mühlhausener Hellweg, Stockumer Hellweg, Hemmerder Hellweg und Holtumer Salzweg sprechen ebenfalls für sich.
Manchmal, wenn die nahegelegene Autobahn A44 zwischen Kreuz Unna-Ost und Kreuz Werl auf diesem Teilstück gesperrt ist oder vor den Autobahnkreuzen bei Unna Stau herrscht, weichen viele auf die parallel verlaufende Bundesstraße 1 aus. Dann ist in den Dörfern am alten Hellweg wieder viel los und Reisende der heutigen Zeit versorgen sich hier mit Eiern und Kartoffeln oder fahren – wie damals – einfach nur durch, in der Hoffnung, bald wieder auf die schnelle Autobahn zu kommen…
Durch die Werl-Unnaer Börde
Der Startpunkt ist im Kurpark von Königsborn, direkt an der historischen Windpumpe. Der Kurpark ist ein Relikt des einstigen Bades und wird in einem eigenen Artikel zusammen mit der Geschichte der Saline Königsborn vorgestellt.
Unna hat eine schöne kleine Altstadt teilweise noch mit erhaltener Stadtmauer und mit kleinen Geschäften, Cafés und Fachwerkhäusern. Passend zum Thema der Tour gibt es in einer kleinen Burg das Hellwegmuseum. Wer vor oder nach der Tour noch ein wenig Zeit hat, kann es sich anschauen. Hier erfährt man einiges über den Hellweg, die Salzgewinnung und auch das Thema der Hellweg-Linien (geöffnet Mi-So, unterschiedliche Zeiten, Eintritt frei; Link zur Website siehe unten). Also alles, was auf unserer Tour heute angeschaut wird.








Die Westfälische Salzroute führt allerdings nicht durch die Fußgängerzone, sondern umfährt die Innenstadt auf dem Radring. Am ehemaligen Morgentor wenden wir uns in östliche Richtung und fahren für etwas einen Kilometer auf der Morgenstraße (der Sonne entgegen) aus der Altstadt. Das geht teilweise auf einem begleitenden Weg, zuletzt auf einem
Schutzstreifen. Wir verlassen die Morgenstraße aber schon bald auf einer eigenen Abbiegespur, biegen links ab in die Felder und fahren nun auf einem ruhigen Weg.
Das Ruhrgebiet bleibt zurück und die Landschaft wird offener. Große Ackerflächen bestimmen bald das Bild, dazwischen liegen Dörfer und einzelne Hofanlagen. Dort, wo die Strecke an der Hellwegbahnstrecke entlangführt, verläuft der eigentlich für Wandernde gedachte Poesieweg. An mehreren Stationen gibt es Liedtexte, Gedichte oder andere wechselnde Texte zu lesen. Nach Hinter einem Bahnübergang, an dem wir vorbeifahren, kommen wir zum Mittelpunkt von Unna.













Wir befinden uns jetzt in der Werl-Unnaer Börde, einer Teillandschaft der Hellwegbörden. Die fruchtbaren Lössböden machen die Region seit Jahrhunderten zu einem wichtigen Agrarraum.
Hellwegbörde – die fruchtbare Landschaft am Hellweg
Die Hellwegbörde ist eine weitgehend offene Agrarlandschaft südlich des Hellwegs und erstreckt sich vom Raum Dortmund und Unna bis nach Paderborn. Ihre fruchtbaren Lössböden machen sie zu einer der wichtigsten Ackerbauregionen Westfalens. Der Name „Börde“ bezeichnet dabei keine politische Region, sondern eine Landschaft mit besonders ertragreichen Böden. Die dünne Löss-Decke speichert Wasser und Nährstoffe und bietet damit sehr gute Bedingungen für den Ackerbau.
Zwischen Unna und Werl liegt die Werl-Unnaer Börde, weiter östlich schließt sich unter anderem die Soester Börde an. Wer mit dem Fahrrad durch die Region fährt, erlebt vor allem weite Felder, große Ackerflächen und dazwischen die typischen Dörfer und Hofanlagen der Bördelandschaft.
Wer hier mit dem Fahrrad unterwegs ist, bekommt deshalb ein Landschaftsbild zu sehen, das fast ein wenig ungewohnt wirkt, wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt: Weite Felder statt dichter Bebauung, große landwirtschaftliche Flächen statt Industrieanlagen und immer wieder der Blick über die flache bis leicht wellige Landschaft.
Die kleinen Perlen zwischen den großen am Weg
Zwischen den beiden Städten liegen mehrere kleinere Orte, die man beim Radfahren leicht einfach durchquert. Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Mühlhausen, Stockum, Hemmerde, Holtum und Büderich sind keine großen Ausflugsziele, sondern typische Dörfer dieser Bördelandschaft. Kirchen mit teils recht alten Friedhöfen – stellenweise streng getrennt nach Konfession in einen evangelischen Teil und einen katholischen Teil, Hofanlagen, an denen man Kartoffeln oder Eier kaufen kann, alte Gebäude, Wegekreuze und kleine Ortskerne erzählen davon, dass diese Orte teilweise wesentlich älter sind, als es ihre heutige Größe vermuten lässt.


















Salz – das „weiße Gold“ Westfalens
Warum aber eigentlich eine Salzroute? Salz war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein begehrtes und wirtschaftlich bedeutendes Gut. Es wurde nicht nur zum Würzen von Speisen benötigt, sondern vor allem zur Konservierung von Lebensmitteln.
In Unna, Werl, Soest und weiteren Orten entlang der Route wurde Sole gewonnen und Salz produziert. Besonders Werl ist eng mit der Salzgeschichte verbunden. Die sogenannten Erbsälzerfamilien gehörten über Jahrhunderte zu den bedeutenden Familien der Stadt. Rings um das Münsterland gibt es Salz- und Solevorkommen, die in einem eigenen Artikel behandelt werden.
Das Salz war einst Handelsware. Der Weg war die Infrastruktur. Die Städte waren Handelsplätze. Und die Dörfer und Höfe lagen in einer Landschaft, die die Menschen mit Nahrung versorgte. Heute ist daraus eine sehr schöne Fahrradroute geworden.








Hinter Büderich erreichen wir den Kurpark von Werl mit seinem Gradierwerk. Im Kneipp-Becken kann man die Füße verwöhnen oder auf einer der Bänke am Teich sitzen. Es ist ein Katzensprung in die Stadtmitte mit ihrer kleinen Fußgängerzone und der Wallfahrts-Basilika, die Werl auch den Beinamen Wallfahrtsort gibt.
Vor der Basilika endet die Tourenbeschreibung. Die Westfälische Salzroute führt stadtauswärts über Ostuffeln, Westönnen, Mawicke und Ostönnen nach Soest. Und letztlich über die Städte Erwitte und Geseke nach Salzkotten.
In Bad Sassendorf (hinter Soest) lohnt sich ein Besuch der Westfälischen Salzwelten, einer Ausstellung in einer alten Hofanlage, die unmittelbar an der Salzroute liegt. auch hier gibt es ein Gradierwerk inmitten eines weitläufigen Kurparks.
Tipp: Zwei alte Verkehrswege zu einer Runde verbinden
Wer die Strecke von Unna nach Werl fährt, muss übrigens nicht denselben Weg zurücknehmen. Genau das macht die Tour für mich besonders interessant, denn es ist eine weitere Infrastruktur-Achse, auf der man unterwegs sein kann. Für eine Teilstrecke kann man nämlich den nahen Alleenradweg nutzen. Er verläuft auf der ehemaligen Eisenbahnstrecke Königsborn – Welver und bietet damit eine ganz andere Art von Landschaftserlebnis. Die alte Eisenbahnstrecke ist vergleichsweise geradlinig und ruhig; Bäume und Alleen begleiten den Weg, der überwiegend sehr schattig ist.
Zwischen Werl und Scheidingen oder Welver fährt man auf Wirtschaftswegen oder der Scheidinger Straße (L795). So entsteht eine Runde von ungefähr 50 Kilometern, bei der Hin- und Rückweg völlig unterschiedlich sind.




Vielleicht ist das auch der schönste Gedanke dieser Tour: Man muss nicht immer auf einem spektakulären Radweg unterwegs sein, um durch eine interessante Landschaft zu fahren. Manchmal reicht ein Wirtschaftsweg durch die Felder – wenn man weiß, was unter und neben ihm liegt.
Kartenmaterial / Literatur:
In den folgenden gedruckten Rad- und Wanderkarten und Tourenführern ist die Salzroute bzw. die Region abgebildet: Von Unna bis kurz vor Werl in der ADFC Regionalkarte radrevier.ruhr Ost* (1:50.000), im Norden der ADFC Regionalkarte Sauerland* (1:75.000), zwischen Werl und Geseke in der BVA-Radwanderkarte Kreis Soest* (1:50.000).
Diese thematisch passenden Bücher empfehle ich zur Vertiefung: Radeln für die Seele: Ruhrgebiet* und Industrieland Nordrhein-Westfalen: Eine fotografische Reise durch die Industriegeschichte*
Weitere Informationen:
Hellweg-Museum Unna: www.unna.de/hellwegmuseum