Auf Kreuzfahrt quer durchs Revier – Autobahnen im Ruhrgebiet

Wer an das Ruhrgebiet denkt, hat meist schnell Bilder von Fördertürmen, Hochöfen, Fußballstadien oder Currywurst-Pommes-Mayo vor Augen. Meist werden aber auch die Autobahnen genannt. Dabei prägen diese die Region wie kaum ein anderes Element. Sie durchziehen das Revier, verbinden Städte, Stadtteile und Wirtschaftsstandorte und bilden ein dichtes Netz. Gerade weil die Autobahn hier so selbstverständlich geworden ist, wird leicht übersehen, wie außergewöhnlich diese Infrastruktur eigentlich ist.

Das Ruhrgebiet ist keine einzelne Großstadt mit einem Zentrum und einem Ring aus Umgehungsstraßen, wie es beispielsweise bei Berlin, Paris oder London ist. Es ist ein zusammengewachsener Ballungsraum aus zahlreichen Städten, die über Jahrzehnte immer enger miteinander verflochten wurden. Entsprechend entstand auch das Verkehrsnetz. Die Autobahnen verlaufen nicht am Rand der Region, sondern mitten hindurch. A1, A2, A3, A40, A42, A43 und A45 treffen sich auf engem Raum, kreuzen sich, verzweigen sich und schaffen Verbindungen in alle Himmelsrichtungen. Aus der Luft betrachtet wirkt das Netz weniger wie eine Ansammlung einzelner Straßen als vielmehr wie das Nervensystem einer ganzen Region.

Schematische Karte mit Autobahnen im Ruhrgebiet

Von hier aus gelangt man in die gesamte Bundesrepublik. Ob auf der Hansalinie zwischen Köln und Hamburg, der „Warschauer Allee“ zwischen Oberhausen und Hannover oder der Sauerlandlinie nach Süddeutschland.

Das engmaschige Netz des Ruhrgebiets

Wie weit ist es von Ihrem Wohnort bis zur nächsten Autobahnauffahrt? Im Ruhrgebiet lautet die Antwort überraschend oft: nur wenige Kilometer. Und in der Regel innerhalb von zehn Minuten. Kaum eine andere Region Deutschlands verfügt über ein derart dichtes Netz aus Autobahnen und Anschlussstellen.

Dabei ist nicht allein die Zahl der Autobahnen bemerkenswert. Entscheidend ist vor allem die feinmaschige Verteilung der Anschlussstellen. Sie sorgen dafür, dass das Fernstraßennetz nahezu überall schnell erreichbar ist. Während man in ländlichen Regionen Deutschlands viele Kilometer bis zur nächsten Autobahn zurücklegen kann, genügt im Ruhrgebiet meist schon eine kurze Fahrt.

Die Karte zeigt passend zur Karte oben die Einzugsgebiete als Entfernung zur nächsten Anschlussstelle. Je dunkler, umso kürzer. Wie man sehen kann, gibt es nur wenige Bereiche, von denen aus mehr als fünf Kilometer bis zur nächsten Auffahrt zurückgelegt werden müssen.

Karte mit dem Einzugsgebiet von Autobahn-Anschlussstellen im Ruhrgebiet

Die Kehrseite dieser hervorragenden Erreichbarkeit ist bekannt: Das Ruhrgebiet zählt zu den verkehrsreichsten Regionen Deutschlands. Dennoch zeigt die Karte eindrucksvoll, wie eng die Städte miteinander verflochten sind – und wie stark das Autobahnnetz die Entwicklung des Ruhrgebiets bis heute prägt.

Eine Kreuzfahrt zwischen Ruhr und Emscher

Wer durch das Ruhrgebiet fährt, begibt sich dabei auf eine besondere Form der Kreuzfahrt. Gemeint sind aber nicht die Schiffe auf dem Baldeneysee oder auf dem Rhein-Herne-Kanal, sondern die zahlreichen Autobahnkreuze, die den Verkehr durch das Revier lenken. Während andernorts in Deutschland eine einzelne Autobahn ganze Landstriche erschließt, reiht sich hier Knotenpunkt an Knotenpunkt. Für viele Menschen gehören Namen wie Kamener Kreuz, Kreuz Kaiserberg, Kreuz Herne oder Kreuz Dortmund/Unna längst zum allgemeinen Sprachgebrauch. Sie sind Orientierungspunkte geworden, die weit über ihre eigentliche Funktion hinausreichen. Und man hört ihren Namen meist täglich in den Verkehrsnachrichten.

Diese Knotenpunkte besitzen oft eine erstaunliche Ästhetik. Aus der Vogelperspektive erscheinen sie wie riesige technische Landschaften. Manche erinnern an Kleeblätter, andere an Spiralen oder verschlungene Schleifen. Verkehrsplaner sprechen von Kleeblättern, Turbinen oder Überfliegern. Im Volksmund entstehen dagegen Begriffe wie „Spaghettiknoten“, die oft treffender beschreiben, was man aus der Vogelperspektive tatsächlich erkennt. Zwischen Brücken, Rampen und Verflechtungsstreifen entstehen geometrische Muster, die fast wie abstrakte Kunstwerke wirken.

Perfekte Kleeblätter

Die ersten Kreuze sind klassische Kleeblätter mit kreuzenden Autobahnen, seltener auch einer Bundesstraße (Kreuz Unna-Ost, Dortmund-Nordost). Deutlich erkennt man die Schleifen und Verbindungsrampen. Eine Ausnahme ist das Kamener Kreuz, das vor einigen Jahren einen „Überflieger“ erhalten hat, was zwar dem optischen Erscheinungsbild aus der Luft einen Makel bringt, den Verkehrsfluss aber entspannen soll.

Für alle Luftbilder in diesem Kapitel: © RVR, 2026, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0.

Dreiecke und kombinierte Anschlussstellen

Mancherorts endet eine Autobahn in einem Dreieck – so zum Beispiel die A45 aus Süddeutschland oder die A42 in Castrop-Rauxel. Eine Besonderheit ist das Dreieck Essen-Ost zwischen der A40 und der A52: hier kann man von Düsseldorf nur nach Dortmund fahren. Aus Richtung Essen und in Gegenrichtung gibt es keine Verbindung.

In den Kreuzen Dortmund / Unna, Castrop-Rauxel Ost und Moers gibt es außerdem eine Anschlussstelle, im Kreuz Recklinghausen befindet sich eine Raststätte an der A2 – eine der wenigen im Ruhrgebiet.

Spagetti-Autobahnkreuze

Es sind schon beeindruckende und kühne Konstruktionen, die diese Mischungen von Turbinen, Kleeblättern und weiteren Anschlussstellen zu einem Spagettiknoten machen. Rampen, die sich teils in drei Stockwerken überqueren, Abzweigungen in den Abfahrten und Spitzkehren bilden ein bizarres Bild. Manchmal fragt man sich, ob Architekten und Verkehrsplaner mit dem Finger nachgeprüft haben, ob man wirklich von jeder Richtung überall hin kommt.

Diese Kreuze haben übrigens einen besonderen Effekt: Während man in Kleeblättern „wenden“ kann, funktioniert das hier in den meisten Fällen nicht.

Bushaltestellen und U-Bahn auf der Autobahn

Über weite Strecken verläuft die A40 mitten durch die dicht besiedelte Stadtlandschaft und ist so eng mit ihr verwoben, dass die Grenzen zwischen Fernverkehr und urbanem Alltag manchmal verschwimmen.

Besonders sichtbar wird dies in Essen und Dortmund. Auf dem Abschnitt der B1 in Dortmund, dem Westfalendamm, fährt die U-Bahn, die hier Stadtbahn heißt, im Mittelstreifen der Autobahn. Während auf den jeweils drei Fahrspuren daneben Autos und Lastwagen unterwegs sind, gleiten zwischen den Richtungsfahrbahnen Züge durch die Stadt. Fahrgäste steigen an Haltestellen ein und aus, die sich direkt an einer der wichtigsten Verkehrsachsen Deutschlands befinden. Grundsätzlich sind die Halte durch Ampelanlagen oder Brücken angebunden.

In Essen gehören auch Bushaltestellen im unmittelbaren Autobahnumfeld zu diesem ungewöhnlichen Bild. Die Busse fahren allerdings auf einer eigenen Trasse. Die Fahrgäste steigen nicht auf dem Standstreifen ein und aus.

Aufnahme aus dem Auto auf der A40 mit Busspur in der Mitte
Hinweis zum Foto: Die Aufnahme wurde vom Beifahrer gemacht.

Wo früher Schiffe fuhren, rollen heute Autos

Die A42 gehört heute zu den Ost-West-Verbindungen des Ruhrgebiets. Kaum jemand ahnt jedoch, dass sie zwischen Herne-Horsthausen und Herne-Baukau auf einem ganz besonderen Untergrund verläuft: Hier befand sich einst der Stichkanal Herne, die erste Verbindung zwischen Herne und dem Dortmund-Ems-Kanal bei Datteln. Wichtigster Kunde war die Zeche Friedrich der Große I / II, die auch mit dem Kanal im folgenden historischen Luftbild zu sehen ist. Weder die Zeche noch der Kanal existieren heute noch.

Historisches Luftbild mit einer Zeche an einem Kanal

Im Jahr 1937 wurde der Kanalabschnitt bis zum heutigen Herner Meer aufgrund von Schäden durch Bergsenkungen stillgelegt. Nördlich verläuft heute der 1914 erbaute Rhein-Herne-Kanal. Die frei gewordene Trasse bot später ideale Voraussetzungen für eine neue Verkehrsachse – und so entstand in den 1970er Jahren auf dem ehemaligen Kanalbett die heutige Autobahn. Wo einst Lastkähne Kohle der Zeche Friedrich der Große transportierten, fließt heute der Verkehr auf vier Fahrstreifen.

Der Luftbildvergleich macht diesen Wandel besonders eindrucksvoll sichtbar. Mit wenigen Handbewegungen lässt sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechseln. Erst dadurch wird deutlich, wie konsequent das Ruhrgebiet seine Verkehrswege immer wieder den Anforderungen der jeweiligen Zeit angepasst hat.

Als die Autobahn zum Boulevard wurde

Wie eng die Menschen des Ruhrgebiets mit „ihrer“ Autobahn verbunden sind, zeigte sich eindrucksvoll im Jahr 2010. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas wurde die A40 am Sonntag, den 18.07.2010 für das „Still-Leben Ruhrschnellweg“ gesperrt. Auf einer Strecke von rund 60 Kilometern entstand für einen Tag eine lange Festtafel. Wo normalerweise Fahrzeuge unterwegs sind, standen auf der einen Fahrtrichtung plötzlich Tische und Bänke, auf der anderen konnte man mit allen unmotorisierten Fahrzeugen wie Inlinern oder Fahrrad fahren. Für die Tische konnte man sich im Vorfeld bewerben, sodass viele Privatpersonen oder Vereine Aktionen anboten – vom gemeinsamen Kuchenessen, Spiele spielen, Minigolf auf der Autobahn oder kleine Sandburgen bauen.

Viele erinnern sich noch heute mit Begeisterung an diesen Tag. Die Autobahn wurde zu einem Ort der Begegnung, zu einem Boulevard und einer Flaniermeile. Das Besondere daran war nicht nur die Größe der Veranstaltung und der notwendige Aufwand vorher und hinterher, sondern die Erkenntnis, dass diese Straße weit mehr ist als eine Verkehrsverbindung. Für einen kurzen Moment wurde sichtbar, dass die A40 die Städte des Ruhrgebiets nicht trennt, sondern verbindet.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit des Autobahnnetzes im Ruhrgebiet. Es ist nicht einfach Infrastruktur. Es erzählt die Geschichte einer Region, die über Jahrzehnte durch Industrie, Handel und Mobilität geprägt wurde. Die Autobahnen wurden zu Adern eines Ballungsraums, der nicht um ein Zentrum herum entstand, sondern aus vielen Zentren zusammenwuchs.

Wer heute durch das Revier fährt, bewegt sich deshalb durch mehr als ein Straßennetz. Zwischen Kleeblättern, Spaghettiknoten, Straßenbahnen im Mittelstreifen und einem Hubschrauber über dem Kamener Kreuz zeigt sich eine Seite des Ruhrgebiets, die oft übersehen wird. Dabei gehört sie längst zu den charakteristischsten Merkmalen der Region. Denn kaum irgendwo sonst in Deutschland sind Stadt, Verkehr und Alltag so eng miteinander verflochten wie hier – kreuz und quer durchs Revier.