Hömma, wat is eigentlich Ruhrdeutsch?
„Hömma!“ Spätestens an dieser Stelle denken viele Menschen außerhalb des Ruhrgebiets, sie hätten die regionale Sprache, genannt Ruhrdeutsch, bereits vollständig verstanden. Das Ruhrgebiet spricht schließlich kurz, direkt und immer ein bisschen Bergbau, Fußball und Currywurst. Zumindest lautet so das Klischee.
Doch wer genauer hinhört, merkt schnell: Das Ruhrdeutsch ist weit mehr als wie ein paar bekannte Floskeln. Eigentlich handelt es sich nicht einmal um einen klassischen Dialekt wie bayerisch, sächsisch oder schwäbisch. Vielmehr ist es eine bunte Mischung aus westfälischen, niederdeutschen, rheinischen und bergmännischen Einflüssen – entstanden in einer Region, in die innerhalb weniger Jahrzehnte Menschen aus ganz Deutschland und halb Europa gezogen sind.
Das Ruhrgebiet wurde nicht nur durch Kohle, Stahl und Bier geformt, sondern auch durch Sprache.
Vonne Arbeit anne Sprache
Wer im Ruhrgebiet unterwegs ist, trifft auf eine Grammatik, die Außenstehende manchmal ins Grübeln bringt.
Man geht nicht für ein lecker Bierchen „an den Kiosk“, sondern „anne Bude“. Wenn man Dosenbier mitbringt, kommt es „vonne Bude“.
Man fährt nicht „in die Innenstadt“ zum Shoppen, sondern „inne Stadt“. Sprachbewanderte sagen angliruhrisch „inne Zitti“.
Und wer als Gelsenkirchener zum Fußball möchte, geht nicht „zum Schalke-Stadion“, sondern „auf Schalke“.
Dabei geht es weniger um einzelne Wörter als um eine ganz eigene Art zu sprechen. Vieles wird zusammengezogen, vereinfacht oder pragmatisch verkürzt. Warum drei Wörter benutzen, wenn eins reicht?
So wird aus „hast du“ schnell „hasse“, aus „musst du“ ein „musse“ und aus „guck mal“ ein schlichtes „kuckma“.
Sprachwissenschaftler würden von Verschleifungen sprechen. Im Ruhrgebiet nennt man das einfach reden.

Ähnliche Wordles wie dieses kann man sich als Ruhrpott-Poster* kaufen.
Vom Pütt bis zur Mottek
Viele typische Begriffe stammen direkt aus der Arbeitswelt.
Der „Pütt“ bezeichnete ursprünglich das Bergwerk. Bergarbeiter waren „aufm Pütt“.
Der „Malocher“ war jemand, der hart arbeitete.
Und der „Mottek“? Ein schwerer Vorschlaghammer.
Selbst Jahrzehnte nach dem Ende des Steinkohlenbergbaus haben sich diese Begriffe gehalten. Manche Menschen benutzen sie noch ganz selbstverständlich, andere kennen sie zumindest vom Hörensagen.
Wer dagegen von „Fisimatenten“ spricht, meint unnötigen Unsinn oder überflüssige Umstände. „Mach keine Fisimatenten“ – Ein Satz, der in vielen Familien vermutlich seit Generationen überlebt hat.
Dat is doch kein Mumpitz
Überhaupt besitzt das Ruhrdeutsch eine bemerkenswerte Sammlung an Wörtern für Dinge, die man nicht ganz ernst nehmen sollte. Mumpitz. Killefitt. Dönekes. Tinnef. Firlefanz. Und wennze die alle kennst, bisse von hier.
Jedes Wort beschreibt auf seine Weise Unsinn, Kleinkram oder Geschichten, die man besser mit einer gewissen Skepsis betrachten sollte.
Warum das Ruhrgebiet dafür so viele Begriffe besitzt? Darüber lässt sich streiten. Wahrscheinlich hat man hier einfach früh gelernt, Dinge pragmatisch einzuordnen.

Direkt, aber selten unfreundlich
Von außen wirkt das Ruhrdeutsch im Ruhrgebiet oft ruppig.
Viele Sätze sind kurz.
Man kommt schnell zur Sache.
Man spart sich sprachliche Umwege.
„Kommse rein?“ – „Geht klar.“
„Lass ma gucken.“ – „ja sicha.“
„Wird schon.“
Für Menschen aus anderen Regionen klingt das manchmal schroff.
Wer hier aufgewachsen ist, hört darin meist etwas anderes: Ehrlichkeit.
Denn hinter der direkten Sprache steckt oft eine gewisse Bodenständigkeit. Man macht nicht viele Worte um eine Sache. Dat bringt ja auch nix.
Treffen sich zwei Westfalen: „Wie is?“ – „Muss… und selbs?“ – „Auch“. Ende der Konversation.
Außer, es wird nochmal aus aktuellem Anlass nache Omma oder dem Hund gefragt. „Ach komm… der Rücken… geh mich wech.“
Ruhrdeutsch – Eine Sprache wie das Ruhrgebiet selbst
Vielleicht ist genau das das Besondere am Ruhrdeutsch. Es gehört niemandem allein. Es ist weder rein westfälisch noch rein rheinisch. Es stammt nicht aus einer jahrhundertealten Sprachinsel und folgt keinem festen Regelwerk.
Es ist entstanden, weil Menschen aus dem Münsterland, dem Rheinland, aus Polen, Italien oder der Türkei gemeinsam gearbeitet, gelebt und gesprochen haben.
Das Ruhrdeutsch ist deshalb weniger ein Dialekt als eine gemeinsame Alltagssprache.
Oder anders gesagt: Dat is nich geschniegelt, nich geschniegelt worden und wird et vermutlich auch nie sein.
Aber genau deshalb passt et so gut zum Revier. Glückauf!
Literatur-Tipps:
Von „Zoff im Pott“ bis „Voll auffe Omme“: Es gibt inzwischen über ein Dutzend Asterix auf Ruhrdeutsch*. Sehr liebevoll gemacht und von einem echten Ruhrpott-Original übersetzt. Kann man auch prima verschenken.
Wo kommt dat her? Ein Herkunftswörterbuch* betrachtet Dialekte in NRW vom Ruhrdeutsch übers Rheinische bis zum Eifeler Platt.
Mit dem Langenscheidt Lilliput Ruhrpott* und Reise Know-How Sprachführer Ruhrdeutsch – die Sprache des Reviers* gibt es sogar eigene Sprachführer.