Straßennamen im Ruhrgebiet
Zechenstraße, Hüttenallee, Bergmannsweg oder Goethestraße – haben Sie sich schon einmal gefragt, was Straßennamen über eine Region verraten? Meist dienen sie nur der Orientierung. Doch schaut man genauer hin, werden Straßenschilder zu kleinen Geschichtsbüchern. Sie erinnern an verschwundene Zechen, an große Industrielle, an Dichter und Komponisten oder an uralte Handelswege. Manche Namen gibt es nur an wenigen Orten, andere begegnen einem im gesamten Ruhrgebiet.
Mit Hilfe von Geodaten lässt sich diese Geschichte sogar auf Karten darstellen. Die räumliche Verteilung der Straßennamen zeigt eindrucksvoll, welche Themen das Ruhrgebiet bis heute prägen.
Welches ist der längste und der kürzeste Straßenname im Revier? Was glauben Sie, ist der häufigste Straßenname im Ruhrgebiet? Hat es was mit Bergbau zu tun? Ist es Goethe? Oder die Ruhr? Die Auflösung gibt es am Ende des Artikels.

Kohle unter den Füßen
Kaum ein anderes Thema findet sich so häufig auf Straßenschildern wie der Bergbau. Zechenstraße, Kohlenstraße, Alter Kohlenweg, Bergwerkstraße, Schachtstraße, Bergmannsweg, Knappenstraße, Förderstraße, Grubenweg oder Kokereiallee – sie alle erinnern an eine Zeit, in der Kohle das Ruhrgebiet zum größten Industrieraum Europas machte. Alle Bergwerke sind verschwunden. Die meisten Fördergerüste wurden abgebaut, Schächte verfüllt und Kokereien zurückgebaut. Stattdessen befinden sich hier Wohn- oder Gewerbegebiete. Die Namen aber sind geblieben oder wurden in Erinnerung an die Standorte im Stadtbild geschaffen.
Aber auch die Schlägel-und-Eisen-Straße für das Gezähe, das Werkzeug der Bergarbeiter, die Barbarastraße für die Schutzpatronin, Am Schichtmeister oder auch die I. und II. Schichtstraße bzw. den Schichtweg findet man im Ruhrgebiet. Dass es sich um kohleführende Erdschichten – also Flöze – handelt, muss man bei Finefraustraße und Dickebankstraße irgendwie wissen. Bei den Straßen Flöz Dickebank, Flöz Zollverein, Flöz Finefrau, Flöz-Sonnenschein-Straße oder Flöz Gretchen steht es dankenswerterweise davor.
Die Karte mit Straßen, die einen Bezug zum Bergbau haben, zeigt etwas Bemerkenswertes: Sie verteilen sich von Duisburg bis Hamm und von Marl bis Hattingen. Die Kohle verband das gesamte Ruhrgebiet – und genau das erzählen heute noch die Straßenschilder.

Diese und die folgenden Karten zeigen jeweils einheitlich das Straßennetz im Ruhrgebiet in grau, erkennbar am markanten Umriss des Ruhrgebiets. In unterschiedlichen Farben sind thematische Straßen hervorgehoben, wie oben die für Zechen, Bergwerke, Kohle und anderes, was sich im weitesten Sinne mit dem Bergbau verbinden lässt.
Zur Methodik: GIS-Auswertung mit ATKIS-Daten – Vorsicht bei der Interpretation
Die Auswertung aller Informationen auf dieser Seite basiert auf den amtlichen Straßendaten von Geobasis NRW (ATKIS), die mithilfe eines Geoinformationssystems ausgewertet wurden. Da viele Straßen in mehrere Geometrieabschnitte unterteilt sind und somit mehrfach vorkommen, entsprechen die im weiteren Verlauf betrachteten Häufigkeiten nicht der exakten Zahl gleichnamiger Straßen. Außerdem fällt auf, dass einige Straßen fehlen. Die Ergebnisse eignen sich daher weniger für ein exaktes Ranking, das an dieser Stelle auch nicht mit absoluten Zahlen aufgeführt wird. Sie zeigen aber sehr anschaulich, welche Begriffe im Ruhrgebiet besonders verbreitet sind und wo ihre räumlichen Schwerpunkte liegen.
Eisen und Stahl – das zweite Fundament
Der Bergbau im Ruhrgebiet war jedoch nur die halbe Geschichte. Ebenso prägend waren Eisen- und Stahlindustrie. Begriffe wie Hüttenstraße, Stahlwerkstraße, Walzwerkstraße, Gießereistraße, Eisenstraße oder Gußstahlweg erinnern an Hochöfen, Walzwerke und Stahlwerke. Im Gegensatz zum Bergbau zeigt die Karte allerdings ein anderes Muster.
Die entsprechenden Straßennamen konzentrieren sich deutlich stärker auf die klassischen Hüttenstandorte. Während Bergbau fast flächendeckend stattfand, war die Stahlindustrie räumlich stärker gebunden. Schon anhand der Verteilung der Straßennamen vor allem in Dortmund, Duisburg, Essen und Bochum lassen sich also die unterschiedlichen Strukturen der Montanindustrie erkennen.

Die Karten zeigen keine ehemaligen Zechen oder Stahlwerke – sondern ausschließlich Straßennamen. Trotzdem zeichnen sie erstaunlich genau die industrielle Geschichte des Ruhrgebiets nach.
Salz – die dritte Säule
Neben Bergbau und Stahl finden sich weitere historische Wirtschaftszweige. Salinenstraßen, Salzwege oder Siederstraßen erinnern an den Salzhandel. Besonders eindrucksvoll ist die Häufig in Unna-Königsborn, wo sich bis ins 20. Jahrhundert noch Salinenanlagen und Gradierwerke befunden haben. Parallel zum Salzweg verläuft die Zechenstraße – und der Zechenplatz und die Straße Am alten Schacht zweigen vom Salzweg ab. Sie geben einen Hinweis darauf, dass hier am Rande von Unna zwei Industriezweige aufeinanderprallen.
Gerade diese Vielfalt macht deutlich, dass das Ruhrgebiet wirtschaftlich schon immer breiter aufgestellt war, als das Bild von Kohle und Stahl vermuten lässt.
VOR Kohle und Stahl: Handwerk und Landwirtschaft
Nicht jede Straße erzählt von Industrie. Manufakturen und Werkstätten leben ebenso in Straßennamen weiter wie Schmieden oder Gießereien. Überraschend häufig begegnen einem Begriffe wie Mühlenstraße, Weberstraße, Gerberstraße, Schmiedestraße, Bäckerstraße oder Färberstraße. Sie stammen aus einer Zeit, als das Ruhrgebiet noch überwiegend ländlich geprägt war.
Besonders auffällig sind die zahlreichen Mühlenstraßen. Wind-, Wasser-, Öl- und Lohmühlen prägten über Jahrhunderte die Landschaft. Viele existieren längst nicht mehr – ihre Namen jedoch haben sogar die Industrialisierung überlebt. Straßenschilder erinnern damit nicht nur an das Ruhrgebiet der Zechen, sondern auch an die Zeit davor.

Der Hellweg – eine Straße mit Geschichte
Ein Name mit Bezug auf Handel sticht besonders hervor: Hellweg. Ob Westenhellweg als Fußgängerzone in Dortmund, Werner Hellweg oder Wattenscheider Hellweg – sie alle gehen auf einen der bedeutendsten mittelalterlichen Handelswege Deutschlands zurück. Lange bevor Autobahnen das Ruhrgebiet durchzogen, verband der Hellweg wichtige Siedlungen zwischen Rhein und Weser. Es ist nicht hundertprozentig geklärt, ob der Name vom keltischen Hal (Salz) stammt, wie es beispielsweise in Bad Reichenhall im Berchtesgadener Land vorkommt, oder vom breiten, hellen Weg inmitten des Waldes, der gewissen Schutz vor Räubern bot. Noch heute folgt so manche Hauptstraße seinem historischen Verlauf. Straßennamen können also sogar Verkehrswege bewahren, die viele Jahrhunderte alt sind.
Es ist wenig überraschend, dass die Straßen mit diesem Namen in der Karte weitestgehend dem historischen Hellweg-Verlauf zwischen Essen, Bochum, Dortmund, Unna und weiter nach Werl, Soest, Lippstadt, Geseke und Paderborn folgen.

Landschaft auf dem Straßenschild
Nicht nur Industrie und Geschichte haben ihre Spuren auf den Straßenschildern hinterlassen. Besonders viele Namen erinnern an die natürliche Landschaft oder Landschaftselemente des Ruhrgebiets – an Flüsse, Bäche, Berge oder alte Gelände- und Gewannenbezeichnungen.
Besonders häufig begegnen einem Namen mit den großen Flüssen der Region – Ruhr, Emscher, Lippe und Rhein. Sie heißen Ruhrstraße, Ruhrallee oder Ruhrau; Emscherstraße, An den Emscherauen oder Am Emscherufer; Lippestraße, Nördliche Lippestraße oder Lippeweg. Sie erinnern an die Gewässer, die das Ruhrgebiet seit Jahrhunderten prägen und oft selbst Namensgeber für ganze Stadtteile oder Landschaften (wie zum Beispiel das Ruhrgebiet) wurden. Und es sind viel zu viele, um alle Varianten aufzuzählen. Alleine fast 50 Straßen, die in irgendeiner Form das Wort Ruhr beinhalten.
Daneben gibt es zahlreiche Straßen, die auf kleinere Landschaftselemente verweisen. Bergstraße, Bachstraße, Siepen, Bruch oder Brauck, Aue, Heide, Busch, Kamp, Esch oder Horst erzählen von der ursprünglichen Topographie und der früheren Nutzung des Landes. Viele dieser Begriffe stammen aus dem Plattdeutschen oder Westfälischen und begegnen uns heute fast nur noch auf Straßenschildern oder in Flurnamen.

Manche Straßennamen sind älter als die Städte, durch die sie heute führen. Sie gehen auf historische Flur- oder Gewannen-Namen zurück und erinnern an Wälder, Feuchtgebiete, Bäche oder Höhenzüge, die längst überbaut oder verändert wurden.
Persönlichkeiten zwischen Goethe und Krupp
Neben Themen aus der Montanindustrie und Landschaften begegnen uns überall Namen berühmter Persönlichkeiten. Ein Blick auf die häufigsten Straßennamen zeigt interessante Muster.
Besonders häufig vertreten sind Schriftsteller und Dichter wie Goethe, Schiller, Lessing, Eichendorff oder Heinrich Heine. Fast ebenso präsent sind Komponisten wie Beethoven, Mozart, Bach, Händel oder Schubert. Hinzu kommen Politiker wie Bismarck, Konrad Adenauer, Friedrich Ebert, Willy Brandt oder Kurt Schumacher sowie Wissenschaftler wie Robert Koch oder Max Planck. Das überrascht kaum, denn diese Namen finden sich in nahezu jeder deutschen Stadt.
Die häufigsten Persönlichkeiten zeigen sich mit Abstand in der Friedrich-Ebert-Straße, in der Bismarckstraße und in der Kurt-Schumacher-Straße. Spannend wird es jedoch bei den regionalen Persönlichkeiten.

Das Ruhrgebiet ehrt seine Industriellen
Im Gegensatz zu anderen Großstädten in Deutschland tauchen zwischen Goethe und Beethoven auf den Straßennamen im Ruhrgebiet plötzlich ganz andere Namen auf. Krupp, Hoesch, Grillo, Harkort, Otto Hue oder Hans Böckler stehen für Unternehmer, Gewerkschafter und Persönlichkeiten, die das Ruhrgebiet entscheidend geprägt haben. Diese Namen erzählen keine allgemeine deutsche Geschichte, sondern die Geschichte dieser Region.
So gibt es die Grillostraße, Harkortstraße (insbesondere im südlichen Ruhrgebiet), die Kruppallee oder den Kruppplatz (mit drei P), die Frau-Bertha-Krupp-Straße, die Franz-Haniel-Straße, die August-Thyssen-Straße, die Huyssenstraße oder die Hoeschstraße. Diese unterscheiden sich regional je nach Wirkungsgebiet der Industriellenfamilien.

Wie bekommt eine Straße ihren Namen?
Über neue Straßennamen entscheidet in der Regel der Stadt- oder Gemeinderat. Vorschläge kommen häufig aus der Verwaltung, von politischen Gremien oder aus der Bürgerschaft. Damit es keine Verwechslungen gibt, darf ein Straßenname innerhalb einer Stadt oder Gemeinde grundsätzlich nur einmal vergeben werden. Werden Straßen nach Personen benannt, geschieht dies meist erst nach deren Tod – so soll sichergestellt werden, dass ihre Lebensleistung dauerhaft und mit etwas zeitlichem Abstand gewürdigt wird. Die genauen Regelungen können sich je nach Kommune leicht unterscheiden.
Eine besondere Ausnahme stellt der Berthold-Beitz-Boulevard in Essen dar. Dieser wurde bereits zu Lebzeiten nach ihm benannt.
Frauen auf dem Straßenschild
Eine überschlägige Auswertung der Straßennamen aus ATKIS zeigt ein interessantes Bild: Etwa die Hälfte der Straßen ist nach einer Landschaft, einem Gewässer, einer Pflanze, einem Tier oder einer Flur benannt. Etwa 10 bis 15% der Straßennamen beziehen sich hier auf Industrie, Handwerk, Bergbau und Verkehr. Rund 30 bis 40 % der Straßen tragen den Namen einer Person. Doch unter diesen personenbezogenen Straßen entfallen schätzungsweise 95 % auf Männer, während Frauen nur etwa 5 % ausmachen.
Die meisten Frauen auf Straßennamen haben einen Vornamen mit Maria oder Marie, wie Marie-Curie-Straße, Marie-Juchacz-Weg, Maria-Theresien-Straße, oder Margarethe. Hierbei dürfte vor allem Margarethe Krupp (mit der Margarethenhöhe in Essen) einen Ausschlag geben. Weitere Straßen mit bekannten Namen sind der Henriette-Davidis-Weg oder der Enid-Blyton-Weg. Eine Sonderstellung nimmt die heilige Barbara ein, die als Schutzpatronin der Bergleute in einer vom Bergbau geprägten Region naturgemäß häufiger als Barbaraweg, Barbarastraße oder ähnlich vertreten ist.
Das Ruhrgebiet ist damit kein Sonderfall. Vielmehr spiegeln die Straßennamen die Zeit wider, in der viele von ihnen vergeben wurden. Ein großer Teil wurde Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergeben. Geehrt wurden damals vor allem Staatsmänner, Dichter, Komponisten, Industrielle und Wissenschaftler. Auch in anderen deutschen Städten tragen deutlich mehr Straßen den Namen eines Mannes als den einer Frau. In Berlin sind beispielsweise laut Tagesschau nur 4,7 % aller Straßen und Plätze nach Frauen benannt, in Dresden 4 %. Betrachtet man ausschließlich die nach Personen benannten Straßen, liegt der Frauenanteil vielerorts meist nur im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich.
Interessant ist dabei weniger die Frage, ob dieser Anteil heute angemessen erscheint. Spannender ist vielmehr, dass sich an Straßenschildern gesellschaftliche Entwicklungen über mehr als hundert Jahre ablesen lassen. Neue Wohngebiete tragen heute oft andere Namen als Gründerzeitviertel. Und so erzählen auch Straßennamen ein Stück Zeitgeschichte.
Vollhorst mit Krummfuß: Kuriose Straßennamen
Manche Straßenschilder sorgen für ein Lächeln. Sei es wegen ihres ungewöhnlichen Klangs, ihrer Herkunft, ihrer Zweideutigkeit oder weil mehrere unterschiedliche Namen gemeinsam ein ganz eigenes Thema ergeben.
Unna hat einen Krummfuß und in der Straße Im Vollhorst leben sicherlich ganz normale Menschen. In Mülheim an der Ruhr landet man schnell In der Klemme, während in Bochum der Feierabendweg nach einem langen Arbeitstag geradezu zum Nachhausegehen einlädt.
Schöngelegen, Trautes Heim, Sonnenblick und Heimgarten sind Adressen, die einige Bewohnende der Margarethenhöhe in Essen in ihrer Anschrifft haben. Sie vermitteln ein idyllisches Bild eines behaglichen Zuhauses.
Wo treffen Unterlippe und Oberlippe aufeinander? Ganz klar: an einer Kreuzung an einer Tankstelle in Waltrop. Allerdings kann man vermuten, dass hierbei der Fluss gemeint ist.
Von Feen, Elfen und Jim Knopf
Manchmal entstehen sogar ganze Themenwelten. So liegen in Bochum Nixenstraße, Elfenstraße und Feenstraße dicht beieinander – ein kleines Märchenviertel mitten im Ruhrgebiet unweit vom Tippelsberg, dessen Name ja selbst eine eigene Sagenwelt hat.
Noch fantasievoller wird es in einer Siedlung mit Straßen wie Lummerlandstraße, Frau-Mahlzahn-Straße, Frau-Waas-Straße und Mollyweg in der Nähe der Sechs-Seen-Platte. Wer die Bücher von Michael Ende kennt, wird hier sofort an Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer erinnert. Es passt dazu, dass die Siedlung am alten Rangierbahnhof Wedau in Duisburg zu finden ist.
Ebenfalls ungewöhnlich ist die ABC-Straße in Bochum. Kürzer und einprägsamer geht es kaum. Ob diese Straße tatsächlich den kürzesten Namen trägt, zeigt der nächste Abschnitt „Rekorde auf dem Straßenschild“.
Die Tangabucht in Essen sorgt regelmäßig für hochgezogene Augenbrauen. Tatsächlich steckt dahinter keine Badebucht, sondern ein historischer Flurname, auch wenn viele zunächst an etwas ganz anderes denken. Wer in einer Siedlung in Dortmund auf den Spannerweg, Schwärmerweg und die Busenbergstraße stößt, könnte ebenfalls zunächst stutzen. Erst der Blick auf die Nachbarstraßen wie Zünslerweg, Feuervogelweg, Eisvogelweg oder Fasanenweg löst das Rätsel: Hier dreht sich alles um die Vogelwelt. Der Spanner ist kein neugieriger Nachbar, sondern ein Schmetterling. Und der Schwärmer ebenfalls – nämlich der Name einer Schmetterlingsfamilie.
Rekorde auf dem Straßenschild
Nicht nur die Inhalte der Straßennamen sind spannend – auch ihre Länge sorgt für kleine Kuriositäten. Die ABC-Straße in Bochum ist durch den „Straße“-Bestandteil fast noch lang. Wenn es nach dem Volksmund geht, ist die Sache klar – es ist die „Rü“. Allerdings ist das nur die liebevolle Abkürzung für die Rüttenscheider Straße in Essen. Mit gerade einmal drei Buchstaben gehören Loh in Breckerfeld und Tye in Dortmund zu den kürzesten offiziellen Straßennamen im Ruhrgebiet. Mehr braucht es manchmal nicht, um den Weg zu weisen.
Am anderen Ende der Skala stehen Straßennamen, bei denen das Straßenschild schon fast zu klein wird. Kandidaten sind die Annette-von-Droste-Hülshoff-Straße oder die Friedrich-von-Bodelschwingh-Straße. Das sind die Personen, die einen Adelstitel, einen akademischer Titel oder einen zweiten oder dritten Vornamen haben.
Den Spitzenplatz im Ruhrgebiet belegt die Dr.-Detlev-Karsten-Rohwedder-Straße in Duisburg. Mit Bindestrichen und dem Punkt ist er 35 Zeichen lang.

Es war fast damit zu rechnen, dass eine Claus-Philipp-Maria-Schenk-Graf-von-Stauffenberg-Straße das Rennen machen würde – auch Bundesweit. Tatsächlich sind Straßen nach dem Widerstandskämpfer aber meist deutlich kürzer benannt – etwa einfach als Stauffenbergstraße oder Graf-Stauffenberg-Straße.
Hinweis zur Auswertung der ATKIS-Daten:
Der Datensatz ist nicht ganz vollständig. Es besteht die theoretische Möglichkeit, dass Straßen nicht berücksichtigt wurden, da sie in den Daten schlicht nicht vorhanden waren, und dass diese einen Rekordhalter abbilden.
Den bundesweiten Rekord hält das Ruhrgebiet übrigens damit nicht. Der längste Straßenname Deutschlands lautet Bischöflich-Geistlicher-Rat-Josef-Zinnbauer-Straße mit stolzen 51 Zeichen und befindet sich im niederbayerischen Dingolfing. Manchmal wird die Straße der Einfachheit halber BGR abgekürzt. Dagegen wirkt selbst der längste Straßenname des Ruhrgebiets fast schon kompakt. Man denke an Situationen, in denen Anwohner den Straßennamen am Telefon buchstabieren müssen.
Von Aachen bis Zypern
Die Aachener Straße liegt im Alphabet ganz vorne und ist kaum zu überbieten. Die Aakerfährstraße mit Hinweis auf Flussschifffahrt hätte allerdings ebenso gute Chancen gehabt wie die Aalbeckestraße oder der Aalweg. Alles ist im Fluss.
Der Zuseweg für Konrad Zuse oder die Zweckeler Straße haben es nicht ganz geschafft. Die Zwolle-Allee in Lünen liegt auf den unteren 5 Plätzen im Alphabet. Zypressenstraße und Zypressenweg mussten letztlich dem Zypriotischen Weg den Platz ganz unten in der sortierten Straßenliste überlassen.
Häufigste Namen
Es sind ganz klassische Namen, die am häufigsten im Ruhrgebiet auf den Straßenschildern auftauchen. Die Ausgangsfrage im Artikel nach dem am häufigsten vorkommenden Namen beantwortet sich schnell mit der Bahnhofstraße, die praktisch in jeder Stadt und Gemeinde im Ruhrgebiet vorkommt – sogar in Städten und Gemeinden, die gar keinen Bahnhof (mehr) haben.
Gefolgt wird sie von der Bergstraße und der Friedrich-Ebert-Straße, der Hauptstraße, Schulstraße und Bismarckstraße. Mit der Dorstener Straße, der Weseler Straße und der Münsterstraße findet man auch zwei nach Orten benannte Straßen in den Top 10.

Fazit
Straßennamen sind weit mehr als Wegweiser. Sie bewahren Erinnerungen an Bergwerke und Stahlwerke, an Mühlen und Schmieden, an Handelswege und berühmte Persönlichkeiten. Sie erzählen von der Entwicklung des Ruhrgebiets – von der ländlichen Landschaft über die Industrialisierung bis in die Gegenwart.
Wer künftig durch eine Zechenstraße, über den Hellweg oder an einer Hüttenallee entlangfährt, sieht vielleicht nicht nur ein Straßenschild. Sondern ein kleines Stück Regionalgeschichte.