Die Zeche Mont-Cenis in Herne

Von der Zeche zur Fortbildungsakademie des Landes mit Stadtteilzentrum in mediterraner Atmosphäre

Die Zeche Mont-Cenis im heutigen Herner Stadtteil und der damals eigenständigen Gemeinde Sodingen war eine der kleineren Kohle- Förderstätten im Ruhr-Revier, dennoch findet man sie mittlerweile in vielen Reiseführern zur Region erwähnt oder bebildert. Eine Zeche wird man hier allerdings kaum noch finden. Einige Skulpturen oder Loren, wie rechts abgebildet, sind über den Ortsteil verstreut. Etwas versteckt steht in zweiter Reihe aber ein außergewöhnlicher, riesiger Glaspalast, der zwischen den Häusern des Ortes wie ein Ufo wirkt und ganz und gar nicht in das Ortsbild passt.

Mont-Cenis 1872-1978 - Eine Lore erinnert an die Zechenzeit

Doch ganz von vorne. 1875 begann die Förderung in einer neuen Zeche, die nach einem zur Gründungszeit als technisches Meisterwerk betrachteten Alpentunnel im Gebirgsmassiv Mont Cenis, oder auf italienisch Moncenisio, in Frankreich und Italien benannt wurde. Im Jahre 1973 wurde die Zeche an das benachbarte Bergwerk Friedrich der Große in Herne-Horsthausen angeschlossen. 1978 erfolgte die Stilllegung des gerade geschaffenen Verbundbergwerks Friedrich der Große – Mont-Cenis.

Der Ort, der sich radial um die Zeche erstreckte, hatte damit sowohl seine städtebauliche Mitte als auch seinen wichtigsten Arbeitgeber verloren. Die meisten Gebäude wurden 1980 abgerissen, das Gelände eingeebnet und die Schächte verfüllt. In einem Architekturwettbewerb wurde der Bau einer neuen Fortbildungsakademie des Landes Nordrhein-Westfalen ausgeschrieben. Gewonnen hat diesen Wettbewerb ein französisches Architektenteam, welches eine Art innovatives Glashaus mit Gebäuden im Gebäude konzipierte. 1999 feierte man hier die Eröffnung dieser ungewöhnlichen Sehenswürdigkeit.

Zeche Mont-Cenis I / III

Aus dem Bergwerk wurde ein Glaspalast

Auf dem Gelände der Gründungsschachtanlage der Zeche Mont-Cenis steht also nun ein riesiger, in Zahlen 180 Meter langer, 75 Meter breiter und 15 Meter hoher Kasten aus Glas, die sogenannte »Mikroklimahülle«, getragen von 56 Fichtenstämmen aus dem Sauerland. Im Inneren befinden sich einzelne Gebäudegruppen mit der eigentlichen Fortbildungsakademie mit Tagungsräumen und einem Hotel. In anderen Gebäudeblöcken sind eine Stadtteilbibliothek, ein Café, eine Filiale des Rathauses von Herne und ein Bürgersaal für Veranstaltungen untergebracht. Die Gebäude im Gebäude sind allesamt sehr modern gestaltet. Die Bibliothek beispielsweise liegt größtenteils unterirdisch in einer Kegelform. Das Hotel ist an die Bedürfnisse der Gäste der Akademie angepasst und bietet daher hauptsächlich Einzelzimmer, die nach amerikanischem Vorbild über einen offenen Laubengang betreten werden. Alle Gebäude stehen in einer mediterranen Atmosphäre, bringt die Glashülle doch eine Klimaverschiebung in die Regionen des Mittelmeers (Vergleichbar mit Nizza, daher ist in diesem Zusammenhang häufig vom »Nizza-Klima« die Rede) mit sich. Wasserspiele und Palmen verstärken diesen Eindruck, wobei erstere im Sommer vor allem zur Kühlung gedacht sind. Große Tore in den Wänden, Kippfenster und unterirdische Luftkanäle unterstützen dies. Nichtsdestotrotz kann es im Winter wie am Mittelmeer auch recht kühl sein.

Luftbild der Akademie Mont-Cenis in Herne
Luftbild der Akademie Mont-Cenis in Herne

Energiebündel aus Sonnenstrom und Grubengas

Ein wichtiges Element der neuen Anlage ist der sogenannte Energiepark der Stadtwerke Herne, der sich mit drei verschiedenen Techniken der Strom- und Wärmegewinnung sowie der Stromspeicherung widmet. Ein Blockheizkraftwerk nutzt das natürlich aus dem Stollen aufsteigende und für die Atmosphäre schädliche und methanhaltige Grubengas der Zeche Mont-Cenis. Es wird vor der Abgasung aufgefangen und verbrannt, um die Gebäudegruppen in der Akademie sowie die Neubauten, die im Zuge der Errichtung ebenfalls entstanden sind, und das Marienhospital im Ort zu beheizen und um Strom zu erzeugen.

Außerdem sorgt die zurzeit größte gebäudeintegrierte Solaranlage der Welt mit 3185 Photovoltaik-Modulen auf insgesamt etwa 10.000 Quadratmetern im Glasdach und der westlichen Seitenwand für Strom. Das Solarkraftwerk erzeugt etwa 750.000 kWh pro Jahr, das Blockheizkraftwerk etwa 9 Mio. kWh pro Jahr. Eine Batterieanlage dient der Speicherung, zur Reduktion von Stromspitzen (z.B. beim kollektiven Aufstehen und Kaffekochen am Morgen) und als Reserve für Notstrom.

Der positive Nebeneffekt des Solarkraftwerkes ist die Abschattung der Halle. Dabei sind die einzelnen Plättchen der Solarzellen in Wolkenformen mal mehr und mal weniger dicht angelegt (daher auch der Effekt der hellen, dunklen und blauen Färbung in den Luftbildern). Weiße Reflektoren und die hellen Innenhäuser verteilen das durchs Dach scheinende Tageslicht in der gesamten Halle und den Innengebäuden. Dass das Toilettenwasser aus Regenwassertanks stammt und die Lüftung mit Abwärmegewinnung ausgestattet ist, verwundert nicht weiter. Insgesamt handelt es sich also um ein durchdachtes Klima-, Wasser- und Beleuchtungskonzept, bei dem das »Erbe der Vergangenheit«, also das Grubengas, und moderne Technik sinnvoll und innovativ kombiniert werden.

Das neue Stadtteilzentrum, wie das Gebäude auch genannt wird, bietet im Innern zudem einige Spielpunkte und Aufenthaltsmöglichkeiten. Rings um das Gebäude der Akademie ist ein Park, der sogenannte Stadtteilpark, in ovaler Form angelegt. Blaue Lichtpunkte, von Mischa Kuball unter dem Titel Oval Light entworfen, verfolgen diese Linie auf hohen Masten und stellen nachts eine ganz besondere Landmarke dar.

Das Stelenfeld hinter der Akademie

In einer großen Wiesenfläche stehen nördlich des Akademiegebäudes Relikte von Industriebauten in Form von kleineren Fundamenten oder Mauerstücken, teilweise mit kurzen Stahlträgern und wie in einem Steingarten dekorativ angeordnet. Es handelt sich dabei um ein Projekt des Landschaftskünstlers Herman Prigann, der auch die “Himmelstreppe” auf der Halde Rheinelbe geschaffen hat. Für Hobbyfotografen ergeben sich in diesem als Stelenfeld oder Trümmerfeld bezeichneten kleinen Areal gute Motive. Ein Aussichtsturm auf einer Erdpyramide bietet einen weiten Blick über Sodingen, das Akademiegelände (dieses zunehmend allerdings durch die Pappeln in der Sicht behindert) und das nördliche Ruhrgebiet. Direkt vor die Akademie wurde ein Einkaufszentrum errichtet. Über eine Freitreppe und einen großen Platz ist das neue Areal an die Ortsmitte angebunden. Leider verdeckt es damit das interessante Bauwerk teilweise auf seiner “Schokoladenseite”.

Die Akademie Mont-Cenis im Schnee

Im Februar 2021 präsentierte sich das Ruhrgebiet für wenige Tage unter einer dicken Schneedecke. Selten ist hier die Kombination von Schnee mit sonnigem Wetter und blauem Himmel, denn üblicherweise kennt man hier eher den westfälischen “Elendsschnee”, wenn überhaupt ein paar Zentimeter, die bald grau vom Streugut, Salz und vom Staub traurig zusammengekehrt am Straßenrand liegen und spätestens nach ein paar Tagen geschmolzen sind.

So nutzte ich die seltene Gelegenheit, das alte Zechengelände mit dem markanten Gebäude der Akademie in dieser besonderen Schönheit zu bewundern. Die folgenden Aufnahmen zeigen zunächst einen kleinen Rundgang um die Akademie Mont-Cenis, auf der ovalförmigen Allee mit den zu der Zeit blattlosen Bäumen bis zum Trümmerfeld, das im nächsten Abschnitt gezeigt wird.

Umterm Schnee bedeckte Freitreppe am Mont-Cenis-Platz zum Haupteingang
Umterm Schnee bedeckte Freitreppe am Mont-Cenis-Platz zum Haupteingang

Besonders schön anzusehen im Schnee ist das Trümmerfeld des Landschaftskünstlers Herman Prigann nördlich des Akademie-Gebäudes. Die rostigen Stahl-Elemente und Betonblöcke harmonierten sehr gut zum strahlend-weißen Schnee und zum blauen Himmel. Die Kulisse mit den zahlreichen zu einer Art Garten aufgestellten Trümmer lockte einige Menschen an, die ungewöhnliche Fotos von sich und mit sich machen wollten. Fußstapfen im Schnee mitten durch das ganze Trümmerfeld zeugten von regem Besuch.

Die Fußspuren im Schnee zeigen, dass viele Menschen das Trümmerfeld erkunden
Die Fußspuren im Schnee zeigen, dass viele Menschen das Trümmerfeld erkunden

Halde Mont-Cenis

Auf Teilen des Geländes befand sich einmal eine große und hoch aufragende Bergehalde. Die Halde Mont-Cenis I / III, die sich wenig westlich der heutigen Akademie auf dem Gelände der Zeche in etwa im Bereich des Westabschnittes des oval um das Gelände verlaufenden Weges befand, existiert heute nicht mehr offensichtlich. Schon nach dem Abriss der Gebäude im Anschluss an die Schließung der Zeche war das Gelände eingeebnet. Vermutlich wurde ein Teil des Abraums auf dem Gelände des heutigen Stadtteilparks und der Akademie verteilt, was auch ihre hohe und ebene Lage erklären würde.

Die nachfolgende Abbildung ist interaktiv. Sie zeigt eine historische Luftaufnahme des Zechengeländes Mont-Cenis I / III aus den 1950er Jahren. Mit der Maus oder dem Finger kann je nach Gerät interaktiv zwischen der historischen und der aktuellen Situation gewechselt werden. So ist im historischen Luftbild deutlich das Zechengelände mit der 6 Hektar großen Bergehalde zu erkennen. Durch den Ort verliefen Bahnanlagen u.a. zur benachbarten Schachtanlage II. Wechselt man auf die heutige Ansicht, so ist die Halde verschwunden. Stattdessen entdeckt man das große Gebäude der Fortbildungsakademie, einen Park und Wohnbebauung auf dem Zechen- und Haldengelände. Die Halde ist in ihrer alten Form und Lage auch auf dem heutigen Luftbild markiert.

Informationen zum Besuch:

Anreise mit dem Auto: Auf der A42 bis zur Ausfahrt 24 Herne-Börnig. Aus Richtung Dortmund links, aus Richtung Oberhausen rechts auf die Sodinger Straße fahren. Dem Straßenverlauf unter der Bahnbrücke bis zum Kreisverkehr folgen. Dort die erste rechts abbiegen in die Castroper Straße. An der Ampel links in die Kirchstraße abbiegen. Dann der Beschilderung zum Parkplatz Mont-Cenis folgen. Es existieren Parkplätze direkt an der Anlage (Hénin-Beaumont-Straße) und auch auf dem Platz vor der Akademie am Einkaufszentrum (Mont-Cenis-Straße).

Zieleingabe ins Navigationssystem: Mont-Cenis-Straße 267 (Parkplatz Einkaufszentrum) oder Hénin-Beaumont-Straße in Herne

Anreise mit Bus und Bahn: Von Bochum Hbf. oder Herne mit der U-Bahn U35 bis Archäologiemuseum / Kreuzkirche, dann mit dem Bus der Linie 311 Richtung Castrop-Rauxel Münsterplatz bis Akademie Mont-Cenis. Alternativ von Herne direkt mit dem Bus der Linie 311. Als dritte Alternative mit der RB 43 von Dortmund Hbf., Wanne-Eickel Hbf. oder Dorsten bis Herne-Börnig und von dort zu Fuß zunächst immer rechts halten bis zur Sodinger Straße, hier links abbiegen, im Kreisverkehr rechts und dann an der Ampel links in die Kirchstraße. Der Beschilderung zum Parkplatz zum Osteingang der Akademie folgen. Der Fußweg beläuft sich auf etwa 2,5 Kilometer.

Anreise mit dem Fahrrad / E-Bike: An der Akademie verlaufen keine ausgewiesenen Themen-Radwege vorbei. Von der Grünen Acht des Kreises Recklinghausen ist ein Abstecher möglich.

Kartenmaterial / Literatur: In den dargestellten gedruckten Rad- und Wanderkarten und Tourenführern ist die Region des in diesem Beitrag beschriebenen Ortes abgebildet. Die thematisch passenden Bücher sind zur Vertiefung empfohlen. Mit Klick auf die jeweilige Karte gelangen Sie zur entsprechenden Seite bei Amazon*.

   

Koordinaten für GPS-Geräte und zur Tourenplanung

Geographische Koordinaten:
51°32’25.40″N, 7°15’21.04″E – Eingang am Mont-Cenis-Platz
51°32’31.91″N, 7°15’10.58″E – Steingarten
51°32’36.89″N, 7°15’17.02″E – Aussichtsturm
Die Koordinaten können in das Eingabefeld von z.B. GoogleEarth und OpenStreetMap kopiert werden.

UTM-Koordinaten (Zone 32):
379044 m, 5711362 m – Eingang am Mont-Cenis-Platz
378847 m, 5711568 m – Steingarten
378975 m, 5711719 m – Aussichtsturm

Nützliche Informationen zum Lesen der Koordinaten und Verwendung in GPS-Geräten bietet der Beitrag Anreise, GPS und Co.

Quellen und weitere Informationen:

Internetseiten der Akademie Mont-Cenis in Herne: www.akademie-mont-cenis.de

Energiepark der Stadtwerke Herne: www.stadtwerke-herne.de


Zeche und Halde Mont-Cenis II / IV

Vom Holzplatz zur Siedlung

Nur sehr wenig erinnert heute noch an die zweite Schachtanlage der Zeche Mont-Cenis, die gerade einmal 250 Meter von der Gründungsschachtanlage in östlicher Richtung entfernt lag. Die Protegohauben auf den ehemaligen Schächten sind praktisch das einzige echte Relikt. Daneben deutet die Straße “Am Holzplatz” in einer Siedlung direkt daneben darauf hin, dass hier das Holzlager der Zeche lag. Neben der Siedlung ist auch ein Supermarkt an der Mont-Cenis-Straße entstanden, dahinter liegt eine Autowerkstatt.

Von der Halde zum Fußballstadion

Es schließt sich nördlich das Glückauf-Stadion des SV Sodingen Am Holzplatz mit Rasenplatz und Tribüne an. Teile des alten Zechengeländes bilden einen Parkplatz für Besucher des Stadions.

Dieses Stadion besteht in einer inzwischen abgewandelten Form seit 1928. Errichtet wurde es seinerzeit auf einem alten Haldengelände. Diese Halde erstreckte sich einmal über etwa 5 Hektar Fläche entlang der Grenze zum Gelände der Schachtanlage II / IV. Sie reichte von der Bahnstrecke (heute Sodinger Straße) in nordöstlicher Richtung. In der nachfolgenden Abbildung ist die Halde Mitte der 1920er Jahre kurz vor Ihrer Abtragung abgebildet. Das Zechengelände befindet sich am unteren Bildrand. Vermutlich ist sogar das später namensgebende Holzlager zu erkennen. Mit der Maus oder dem Finger kann je nach Gerät interaktiv zwischen der historischen und der aktuellen Situation gewechselt werden. Auf ihr ist das heutige Stadion samt Wohnsiedlung gut zu identifizieren.

Adresse: Hännes-Adamik-Straße, Kreuzung Am Holzplatz in Herne